Anmerkung zum LVZ-Artikel vom 14.11.2022 zum Volkstrauertag in Taucha

(von Nico Piehler) In der LVZ vom 13/14.11.2022 war auf S. 13 ein Artikel über die Gedenkveranstlatung zum Volkstrauertag auf dem Tauchaer Friedhof zu lesen (hier). In diesem wurde neben der Rede des Bürgermeisters auch kurz auf meine Ansprache eingangen. Leider ist meiner Meinung nach der Inhalt völlig falsch und die eigentliche Aussage sogar ins Gegenteil verkehrt dargestellt worden.

Den zitierten Satz „Es fällt mir als Christ schwer, zu akzeptieren, dass einem Aggressor mit Waffengewalt entgegengetreten werden muss.“ habe ich nicht gesagt. Das klingt ja so, als fände ich es nicht gerechtfertigt, dass sich die Ukraine gegen Putins Angriffskrieg wehrt. Dieser Meinung bin ich allerdings nicht. Meine zur Gedenkveranstaltung vorgetragenen Worte waren vielmehr folgende: 

Wenn ein friedliches Land nur 1000km von uns entfernt von einer Großmacht brutal überfallen, Städte niedergebombt und die Zivilbevölkerung tyrannisiert wird, dann kann man nicht einfach nur zuschauen und sagen: Vertragt euch. Deshalb halte ich es – auch wenn mir das schwerfällt – für richtig, dass Deutschland die Ukraine mit Waffen unterstützt, solange es nötig ist. Dennoch bin ich überzeugt, dass wirklicher Friede nicht mit Waffen erreicht werden kann…

Wer möchte, kann hier meine kurze Ansprache auch gerne komplett lesen:

Ansprache zur Gedenkveranstaltung anlässlich des Volkstrauertages 2022 in Taucha – von Pfarrer Nico Piehler

Bis vor Kurzem war es noch leicht Pazifist zu sein. Bis zum 24. Februar war ich das auch noch und habe gerne zitiert „Frieden schaffen ohne Waffen“. Denn damals konnte man ja sagen: Krieg – das ist weit weg, irgendwo in exotischen Wüstenstaaten. Da brauchte man sich nicht einmischen: Sondern konnte einfach den Kriegführenden einfach zurufen: Vertragt euch doch einfach mal. So schwer kann es doch nicht sein!

Jetzt sieht es anders aus. Wenn ein friedliches Land nur 1000km von uns entfernt von einer Großmacht brutal überfallen, Städte niedergebombt und die Zivilbevölkerung tyrannisiert wird, dann kann man nicht einfach nur zuschauen und sagen: Vertragt euch. Deshalb halte ich es – auch wenn mir das schwerfällt – für richtig, dass Deutschland die Ukraine mit Waffen unterstützt, solange es nötig ist.

Dennoch bin ich überzeugt, dass wirklicher Friede nicht mit Waffen erreicht werden kann – nicht in der Ukraine und nicht in der restlichen Welt. Dass jetzt plötzlich wieder überall aufgerüstet wird, sogar Atomwaffen wieder in Mode kommen – das erschreckt mich. Wir stehen mitten in einem neuen kalten Krieg. Und selbst wenn die Waffen schweigen würden, wäre das nur fauler Friede, der nur aufrechterhalten wird durch die Angst vor der gegenseitigen Vernichtung.

Dieser Tage bewegt wieder viele die großartige biblische Vision des Propheten Micha:
„Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“
Mit Blick auf unser eigenes Land bin ich dankbar, dass in hier junge Menschen nicht mehr lernen müssen Krieg zu führen. Seit 77 Jahren leben wir in Deutschland in Frieden. Keine Selbstverständlichkeit.

Denn dieser langanhaltende Frieden in unserem Land ist auch deshalb möglich geworden, weil viele Menschen bereit waren, die Vergangenheit aufzuarbeiten: Schuld und Unrecht beim Namen zu nennen, um Vergebung bitten, Versöhnung zu wagen und die nachfolgenden Generationen immer wieder an das Geschehene zu erinnern. So wie wir das heute tun.

Der Weg zum Frieden ist oft unbeqem, lang und mühsam. Das gilt in der großen Weltpolitik. Aber genauso auch im Kleinen, im persönlichen Miteinander. Oft ist es leichter, dem anderen eins auszuwischen oder getrennte Wege zu gehen, als über den eigenen Schatten zu springen und an der Versöhnung zu arbeiten. Aber ich bin überzeugt, es lohnt sich den mühsamen Weg zu gehen – im Kleinen wie im Großen. Denn an seinem Ende steht die große Vision von einer Welt, in der die nächsten Generationen keinen Krieg mehr lernen und in der die Völker an einer gemeinsamen Zukunft bauen.

Klar, von der Verwirklichung dieser Vision scheinen wir derzeit unglaublich weit entferent. Doch als Christ habe ich die Hoffnung, dass wir diesen langen und steinigen Weg zum Frieden nicht allein gehen müssen, sondern dass Gott uns begleitet und uns die nötige Kraft dazu gibt, auch die Kraft und den Mut zu vergeben. Ich glaube, dass Gott Türen öffnet und manchmal auch das ein oder andere Wunder geschehen lässt. Das können wir in der Ukraine jetzt gut gebrauchen.

Lasst uns festhalten an der großen Vision, dass tatsächlich Schwerter zu Pflugscharen werden können. Lasst uns nie die Hoffnung aufgeben, dass wirklicher Friede möglich ist – für alle.